Der Vortrag wird von Herrn Prof. Katzenbach im Rahmen vom Cyberlago Treff im Waldhaus Konstanz gehalten.
Herr Katzenbach eröffnet den Vortrag mit der Frage “ Was zeichnet den Wirtschaftsstandort Deutschland eigentlich gegenüber anderen Ländern aus?“ und gibt die Antwort gleich hinterher. Es sei der Fakt, dass der Anteil am BIP der sich mit Produktentwicklung beschäftigt, sehr hoch sei. In Deutschland habe man das Potential erkannt, dass die Entwicklungen der Informationstechnologie Auswirkungen auf die Produktion haben werden. Dieser Fakt sei auch der Grund warum es das Thema Industrie 4.0 in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung geschafft hat.

Was ist Industrie 4.0?
Der Begriff ist so nur in Deutschland bekannt, andere Länder verwenden eher den Begriff Industrial Internet.
Es werden die drei vorherigen Revolutionen in der Fertigung aufgezählt: die Dampfmaschine, die Fliessfertigung und die Semiconductor. Die vierte Revolution beschäftigt sich nun mit dem Internet der Dinge, Cloud und Social Computing, Big Data, Mobile Computing und Cyber Physical Systems. Es geht um intelligente Produkte sowie die dazugehörigen Prozesse und Services.
Herr Katzenbach hat wohl ein Buch zum Thema geschrieben,  dass in Deutschland ca. 1200 Mal verkauft wurde. Es wurde ins Chinesische übersetzt und die Auflage von 10000 war innerhalb von 2 Monaten vergriffen.

Was sind Cyber Physical Systems?
Es gab verschiedene Entwicklungsstufen:
– Embedded Systems,
– Intelligente Embedded Systems,
– intelligente und kooperative Systeme,
– Systems of Systems,
– Cyber Physical Systems

Als Beispiel führt er die Kaffeemaschine an. Die Kaffeemaschine als Cyber Physical System erkennt bereits welcher Nutzer vor ihr steht und wählt entsprechend der Vorlieben des Nutzers zur entsprechenden Uhrzeit den gewünschten Kaffee aus. Sie erkennt selbst, wenn sie Wartungsbedarf hat und informiert über ihre Netzanbindung das Servicecenter und bestellt selbständig Kaffeebohnen nach.

Das Foto zeigt, welche Komponenten beim Design von Cyber Physical Systems berücksichtigt werden müssen: Hardware, Software, Internet, Kommjunikation, Embedded Microdevices

Wenn also von Industrie 4.0 bzw. Industrial Internet die Rede ist, ist nicht nur das Internet der Dinge gemeint, sondern auch das Internet der Menschen (IoH, Social Media), das Internet der Services (IoS) und das Internet der Daten (IoD) und deren Vernetzung miteinander.

Weitere Beispiele sind Smart Robots, oder Googles Smart Car.

Herrn Katzenbachs These lautet: „Noch in diesem Jahrzehnt werden wir autonom fahren.“

Interessant war für ihn, dass Google einen anderen Ansatz in die Produktentwicklung eingebracht hat. Klassische Automobilfertiger müssen intelligente Autos mit einer Bilderkennung versorgen, um die Welt ums das Auto zu erkennen. Eine Vollerfassung ist schwierig. Da Google bereits viele Informationen über die Welt (Street View) hat, müssen sie „nur noch“ ein Delta zur erfassten Wirklichkeit erkennen.
Intelligente Autos können natürlich auch Informationen über das Fahrverhalten sammeln, der Weg zu entsprechenden günstigeren Versicherungen sei nur eine logische Schlussfolgerung und nicht mehr lange hin. Aus dem Publikum macht jemand die Anmerkung, dass es in Grossbritannien bereits eine solche Versicherung „drive like a girl“ (https://www.drivelikeagirl.com/) gibt.
Im Bereich der Automobilindustrie wird sich natürlich auch die Routenplanung verbessern. Herr Katzenbach wünscht sich eine intelligente Routenplanung, die ihn früher weckt, wenn Stau auf der Autobahn ist und er einen Termin hat.

Auch Baden-Württembergs Schraubenhändler Würth hat bereits Schritte zum Industrial Internet gemacht und verkauft nicht nur Schrauben, sondern mit iBin ein intelligentes Produkt mit entsprechendem Service.

Wie sieht die Zukunft der Produktentwicklung aus? Welche Herausforderungen gibt es?
Ein großes Problem sieht Herr Katzenbach in der Ausbildung entsprechender Fachleute. Die Universitäten und Fachhochschulen seien mit ihren Studiengängen noch nicht darauf eingestellt interdisziplinäre Fachleute auszubilden. Notwendig wären Absolventen eines Studienfaches Engineering mit einer soliden Grundausbildung in Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik, denn die
Produkte enthalten alle drei Komponenten. Derzeit seien die Entwickler mit ihren reinen Fachstudiengängen in diesen Fächern nicht oder nur schlecht in der Lage miteinander zu reden und sich zu verstehen. Dies sei aber die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Produktentwicklung im Industrial Internet.

Warum wiegt Software ein Gramm?
In der traditionellen Industrie werden Einzelteile in einem Warenwirtschaftssystem erfasst. Bei intelligenten Produkten ist ein Teil die Software. Braucht diese Software dann auch eine Teilenummer? Ja! Was tun, wenn im ERP-System für Teile immer ein Gewicht eingegeben werden muss und dieses Feld nicht 0 sein darf? Dann wird pragmatischer Weise Software mit dem Gewicht von 1g definiert :-)

 

Und noch eine Story: Wie man in Korea einkauft
In der koreanischen U-Bahn hängen die Fenster voll mit Prospekten, die Leute fotografieren das ab und übermitteln die Station wo sie aussteigen und beim Ausstieg reicht ihnen jemand die Einkaufstüte mit den vorher abgescannten Produkten in die Hand.
Alles in allem habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies keine Revolution sondern eher continuous improvement ist.
Fragen aus dem Publikum:
Wer treibt das Thema an?
Dies sei eine schwierige Frage, die großen Industrieunternehmen nehmen wohl eher aus protagonistischen Gründen an dem Thema teil, treiben es aber eher nicht voran, da sie nicht sehr risikobereit sind. Herr Katzenbach hält eher die Community in der Lage das Thema voranzutreiben und Mittelständler, die auch mal bereit sind ein Risiko einzugehen und zum Beispiel Think Tanks betreiben.
Wo werden sich intelligente Produkte eher durchsetzen, beim Endverbraucher oder in Industriefirmen?
Eng verbunden mit der Beantwortung der oberen Frage, meint Herr Katzenbach, dass es hier Mutige Leute braucht, Vordenker, Early Adopter.
Offenes oder geschlossenes System?
Herr Katzenbach hält es für grundlegend, dass es Standards gibt und engagiert sich selbst auch auf dem Gebiet.
Danke für den Vortrag.

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